Die Anregung Online

Liebe Leserinnen und Leser,

Die Schuldfrage

Die Leute sind rücksichtslos.
Sie stehlen den Schutzengeln sogar die gesamte Freizeit.


Liebe Hinterbliebene!

Mein Schutzengel vertraut mir immer mehr und behandelt mich wie einen Freund. Darüber bin ich glücklich. Vor kurzem gestand er mir gegenüber offen, der Mensch mache es den Engeln schwer, ihn zu verstehen. Viele Engel fühlten sich, seitdem der Mensch emanzipiert und aufgeklärt sei, überfordert. Auch die Psychologie trage mit ihrer Entdeckung, dass Schuld und Krankheit kaum zu trennen sind, zu dieser Verunsicherung bei. Es sei inzwischen nahezu unmöglich, einem Menschen ein Fehlverhalten nachzuweisen, weil nicht mehr geklärt werden kann, was ihm oder seiner an Konstruktionsfehlern leidenden Natur oder seiner Umwelt anzulasten ist.

Als mein Schutzengel sich zurückgezogen hatte, schlich ich mich – da die Tür gerade offen war – ins Beschwerdebüro, weil ich schon lange einmal einen Einblick in die Beschwerdebriefe, die stapelweise auf dem Schreibtisch lagen, werfen wollte. Da schreibt zum Beispiel ein weltberühmter Fußballstar – Ihr versteht, dass ich seinen Namen nicht nenne – dessen Wert auf 30 Millionen Euro geschätzt wird: „Ich kann nicht einsehen, warum man mir die mir durch meinen Vereinswechsel zustehenden Millionen zum Vorwurf macht. Ich habe regelmäßig meine Steuern bezahlt und korrekt abgerechnet. Finanzielle Dinge sind schließlich eine irdische Angelegenheit, und ich kann nicht einsehen, weshalb sich ein himmlisches Gericht, dessen Zuständigkeit ich anzweifle, in eine rein irdische Angelegenheit einmischt.“ Eine junge Frau, die viele Jahre als Model tätig war, beklagt sich in ihrem Schreiben, dass man ihr, anstatt ihr die Leiden, die sie bei ihren Schönheitsoperationen erdulden musste, anzurechnen, sogar noch eine Buße auferlegt. Und die merkwürdigste Beschwerde kam von einem Unternehmer, der wegen seiner Zweifel und seines religiösen Desinteresses einen Glaubenskurs besuchen muss. Er reibt sich an der Tatsache, dass Gott Wohlstand zulässt, obwohl er wissen müsste, dass die meisten Menschen nachweisbar nicht durch Leid und Armut, sondern durch Wohlstand gottlos werden!

Ein ganz neues Problem bereitet den Engeln, wie mir mein Schutzengel erzählte, zurzeit die große Zahl von Gutmenschen, die in letzter Zeit in Scharen ankommen. Der für die Aufnahme zuständige Abteilungsleiter sah sich veranlasst, weil er sich dazu außerstande sieht, die nächsthöhere Instanz um die Entscheidung zu bitten, wie Gutmenschen zu behandeln sind: ob sie eine Belohnung verdienen oder sich einer Läuterung unterziehen müssen, und ob sie den Heiligen oder den Heuchlern zugeordnet werden sollen. Er werde deshalb, bis eine Weisung erfolgt, eine ,Euthonia‘, einen Wohlfühlraum, einrichten, wo sie sich vorübergehend aufhalten dürfen.

Als ich mich zurückziehen wollte, winkte mich mein Schutzengel zu sich. Er lobte mich und sagte, dass er mit mir zufrieden sei. Dann fragte er mich, ob er mir noch einen Auftrag erteilen dürfe. Er wolle mich nicht überfordern, aber es läge ihm sehr viel daran, dass ich ihm diese heikle Aufgabe abnehme, Gutmenschen, die nicht leicht zu behandeln sind, zu betreuen.

Sobald ich wieder Zeit habe, werde ich Euch über meine ersten Eindrücke berichten.

Walter Rupp SJ, Mails aus dem Jenseits, Vindobona Verlag 2012, 72f


Die Schutzengel scheinen wohl ihre liebe Not mit ihren Schutzbefohlenen zu haben!

Bleiben sie gesund!

Für die Redaktion

Karl Jansen SVD

 
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