Togo

Kreuzweg im Busch

20.03.2017

Wenn Pater Wojtek Minta in der Fastenzeit in die Außenstationen seiner Pfarrei im Norden Togos fährt, nimmt er Jugendliche als „Dolmetscher“ mit. Ihre szenische Aufführung der Passion Christi berührt die Herzen der Menschen.

P. Wojtek Minta (Foto: Achim Hehn/SVD)
P. Wojtek Minta (Foto: Achim Hehn/SVD)

„Guten Tag, wir wollen mal wieder den Heiland kreuzigen.“ Pater Wojtek Minta hat die Scheibe seines Wagens heruntergekurbelt und zwinkert dem Mann am Marktstand verschwörerisch zu. Der lächelt wissend, kramt routiniert hinter seinem Tresen. Dann reicht er dem Steyler Missionar ein Bündel mit Holznägeln in den Wagen. „Viel Erfolg, mon père!“ Der Geländewagen setzt sich behäbig in Bewegung, passiert langsam Schlagloch für Schlagloch, damit die zwölf Jugendlichen nicht von der Ladefläche fallen. Jocelyn und Valentin, Samson und Achille: Sie alle gehören zur JEC, zur „Jeunesse étudiante chrétienne“, einer christlichen Bewegung, die auch hier in Guérin-Kouka einen Ableger hat, im Norden Togos.

P. Minta unterwegs mit den Jugendlichen zur Aufführung der Passion Christi (Foto: Achim Hehn/SVD)
P. Minta unterwegs mit den Jugendlichen zur Aufführung der Passion Christi (Foto: Achim Hehn/SVD)

„Wir machen das heute zum vierten Mal in dieser Fastenzeit“, sagt Maria Magdalena, die noch einen Platz im Innenraum des Geländewagens ergattert hat. Maria Magdalena heißt eigentlich Charmelle und ist 16 Jahre alt. Aber im Passionsspiel, das sie heute mit ihren Freunden aufführen wird, übernimmt sie die Rolle der Begleiterin Jesu. „Mir machen diese Aufführungen großen Spaß“, sagt sie. „Das ist die perfekte Einstimmung auf Ostern.“
Pater Minta steuert den Wagen schwungvoll an einem liegengebliebenen Baumwolllaster vorbei, der Rosenkranz am Rückspiegel vollführt bizarre Tänze. Die Jugendlichen auf der Ladefläche singen, christliche Lieder und lokale Folklore, so geht das die nächsten 30 Kilometer. Gelegentlich stimmt der Steyler Missionar ein, meist hört er zu.

Seit 23 Jahren lebt und arbeitet Minta in Togo. Gebürtig stammt er aus einer kleinen Stadt zwischen Posen und Breslau, für die Mission begeistert hat ihn einst seine Tante. „Die hat nämlich über 40 Jahre als Missionarin in Lesotho im südlichen Afrika gearbeitet“, erzählt Minta. „Ich war noch ein kleines Kind, als sie mir von ihrer Pionierarbeit erzählt hat, aber ich war verzaubert.“

Selbst Priester und Missionar zu werden: Daran hatte Minta nie gedacht. Bis ihm kurz vor dem Abitur ein sehr persönliches Berufungserlebnis widerfuhr. „Das hat nicht nur mich überrascht, sondern auch mein ganzes Umfeld“, erinnert er sich. 1983 trat er bei den Steyler Missionaren ein. Als er nach dem Studium seine favorisierten Einsatzorte angeben musste, schrieb er dreimal das Wort „Afrika“ auf den Zettel. „Für mich war immer klar: Ich gehöre auf diesen Kontinent.“Während draußen die Vegetation karger und die Straße staubiger wird, schwärmt Minta von seinen ersten Missionsjahren im Süden Togos. „Die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen hat mich sofort angesprochen“, sagt er. „Ich fühlte mich gleich zu Hause.“ Wegen einer schweren Malaria musste der Steyler Missionar das Land nach fünf Jahren vorübergehend verlassen. „Drei Jahre lang haben sie mich in Deutschland wieder aufgepäppelt“, sagt er. „Viele hätten nach dieser Erfahrung die Nase voll gehabt von Afrika. Meine größte Sorge war, ob ich nochmal zurück darf.“

Wojtek Minta durfte, arbeitete zunächst mit Nachwuchs-Missionaren in Togos Hauptstadt Lomé, dann sechs Jahre im benachbarten Benin. 2014 wechselte er schließlich zurück in den heißen Norden Togos. „Von unserer Pfarrei in Guérin-Kouka aus betreuen wir zahlreiche Außenstationen auf dem Land“, sagt er. „In eines dieser Dörfer, kurz vor der Grenze nach Ghana, fahren wir heute.“
Kinder strömen aus den strohbedeckten Lehmhütten, als sich das Missionsfahrzeug samt seiner singenden Insassen der kleinen Siedlung nähert. Sie umringen den Steyler Missionar, kaum dass er in seinem wildgemusterten Zweiteiler aus dem Wagen gestiegen ist. Hände werden geschüttelt, der erste Weg führt Wojtek Minta zu den Dorfältesten, die unter einem Mangobaum vor der prallen Sonne Schutz gesucht haben.

P. Minta auf dem Weg zur Aufführung (Foto: Achim Hehn/SVD)
P. Minta auf dem Weg zur Aufführung (Foto: Achim Hehn/SVD)

Während sich viele Dorfbewohner auf der Freifläche vor dem Schulgebäude versammeln, wechseln der Steyler Missionar und seine Begleiter auf der Rückseite des Gebäudes ihr Outfit: Minta streift Albe und Stola über, die jungen Frauen und Männer richten ihre Kostüme. Minuten später führen drei finster dreinblickende Soldaten einen ganz in Rot gewandeten Jesus auf den Vorplatz, zu Pilatus, der bereits auf einer Holzbank wartet. Kinder, die eben noch ausgelassen durchs Dorf getobt sind, verfolgen mit offenen Mündern die Verhandlung. Am Ende hebt Jesus-Darsteller Justin ein großes Holzkreuz auf seine Schultern. „Avance“, rufen die Soldaten. Beweg dich!

Die Schweißperlen auf Jesu Stirn sind echt: Justin kämpft nicht nur mit dem Kreuz, sondern auch mit dem Hitzestau unter seiner gewaltigen Langhaarperücke. Die einzelnen Stationen des Kreuzwegs führen quer durch die karge Siedlung. Wo der Mann mit der Dornenkrone auch auftaucht: Frauen unterbrechen ihre Arbeit an den Feuerstellen, Kinderaugen lugen neugierig aus Hütteneingängen. Sogar die herumstreunenden Hühner scheinen innezuhalten. Der Alltag steht still – und immer mehr Menschen schließen sich der singenden und betenden Menge an, die Jesus auf seinem letzten Weg begleitet.

Die Darstellerin der Veronika heißt im richtigen Leben passenderweise Véronique – und reicht Jesus unter einem Baum das berühmte Schweißtuch. Das Wimmern der klagenden Frauen, die, in leuchtend gelbe Gewänder gehüllt, an der nächsten Weggabelung warten, ist schon von Weitem zu hören. „Mich beeindruckt immer wieder, mit welcher Ernsthaftigkeit die Jugendlichen die Passion nachspielen“, sagt Wojtek Minta leise, während er dem leisen Zug der Dorfbewohner folgt. „Das kommt direkt aus dem Herzen – und wirkt unheimlich realistisch. Sie werden zu Botschaftern des Evangeliums und bringen es direkt vor die Haustür ihrer Landsleute. Wenn ich die Passion nur einfach vorlesen würde: Sie würde die Menschen niemals so unmittelbar ansprechen wie das hier.“

Jesus-Darsteller Justin wird Pilatus vorgeführt (Foto: Achim Hehn/SVD)
Jesus-Darsteller Justin wird Pilatus vorgeführt (Foto: Achim Hehn/SVD)
Jesus bricht unter dem Kreuz zusammen (Foto: Achim Hehn/SVD)
Jesus bricht unter dem Kreuz zusammen (Foto: Achim Hehn/SVD)
 

So übt sich der Steyler Missionar in Zurückhaltung, lässt die Jugendlichen machen – und beobachtet, wie die Dorfbewohner das Geschehen ergriffen verfolgen. Als Jesus-Darsteller Justin am Kreuz aufgerichtet wird, stehen manchem die Tränen in den Augen. Die untergehende Sonne Afrikas taucht die Szenerie in ein leuchtendes, unwirkliches Licht. Jesu Leichnam wird in ein weißes Laken gewickelt, der trauernden Maria in den Schoß gelegt. Erst jetzt meldet sich Wojtek Minta zu Wort. „Wir alle sind aufgerufen, ihm zu folgen“, sagt er. „Ihm, der für uns gelitten und den Tod am Kreuz auf sich genommen hat.“
Einige Minuten hallt die Stille noch nach, ehe die Kinder wieder toben, die Motorräder wieder stottern und die Hunde wieder bellen. Die jugendlichen Darsteller haben ihre Gewänder abgeworfen, Justin ist wieder bebrillt und bemützt – und es dauert nicht lange, da hat schon wieder einer ein mitreißendes Lied angestimmt, zu dem ausgelassen getanzt wird. Die Soldaten, Pontius Pilatus und all die anderen haben sich wieder in lebenshungrige junge Togoer verwandelt. Nach all dem „Kreuzige ihn!“ wirkt ihr Tanz wie eine Erlösung, ein Vorgeschmack auf Ostern, eine Liebeserklärung an das Leben.

Auch Wojtek Minta wirkt beseelt. „Es ist unheimlich schön, hautnah mitzuerleben, wie die Menschen auf die christliche Botschaft reagieren“, sagt er. „Gerade in kleinen Dörfern wie diesen stoße ich oft auf Sprachbarrieren. Da könnte ich mir keine besseren Dolmetscher vorstellen als diese Jugendlichen. Ihre Offenheit und ihr Spiel kommen der ‚Sprache der Liebe‘ nahe, von der unser heiliger Josef Freinademetz mal gesagt hat, sie sei die einzige, die alle Menschen verstehen.“
Auf der Rückfahrt nach Gouérin-Kouka geht die Party auf der Ladefläche weiter. Wojtek Minta lächelt zufrieden. „Ich frage mich oft, ob ich hier in Afrika mehr gegeben oder mehr zurückbekommen habe“, sagt er, während er den Wagen vorsichtig über die dunkle Sandpiste lenkt. „Eines ist klar: Ich habe viel gelernt. Einfach zu leben, mich nicht so wichtig zu nehmen, mit wenig zufrieden zu sein. Aber am meisten imponiert mir, wie ernst und zugleich begeistert die Menschen hier ihren Glauben feiern. Die jungen Menschen da hinten sind das beste Beispiel dafür.“

Markus Frädrich

Die Kinder freuen sich über den Besuch von P. Minta (Foto: Achim Hehn/SVD)
Die Kinder freuen sich über den Besuch von P. Minta (Foto: Achim Hehn/SVD)
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Melanie Pies-Kalkum

Medienredaktion
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