Beim Missionsprokurator

Das Eingangsportal der Prokur gleicht einem großen Scheunentor. "Schönen guten Morgen", ruft Bruder Karl Kretschmer aus seiner Pförtnerloge. Linker Hand leuchtet eine Anzeigetafel: "Die Steyler Mission wünscht einen angenehmen Aufenthalt". Es geht eine Treppe hoch, oben hängen Portraits von Josef Freinademetz und Arnold Janssen, den beiden Heiligen der Ordensgemeinschaft. Im Büro am Ende des langen Flurs brennt bereits Licht. Der Missionsprokurator sitzt schon am Schreibtisch. Und das, obwohl Pater Konrad Liebscher eine kurze Nacht hatte.

Um kurz vor elf gestern Abend hat ihn das Klingeln seines Telefons aus dem ersten Schlaf geholt. Am anderen Ende der knackenden Leitung: Bruder Carlos aus Brasilien. Er brauche auf schnellstem Wege 2.000 Euro zur Weiterführung eines Werkstattprojektes für arbeitslose Jugendliche.

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Pater Liebscher hatte gemeinsam mit Bruder Carlos hin- und herüberlegt. Wie könnte man am schnellsten die benötigte Summe von Sankt Augustin nach Guarapuava bekommen? Schließlich war Pater Liebscher der rettende Einfall gekommen: Reist nicht morgen auch eine Steyler Schwester nach Brasilien, in die Provinzhauptstadt Ponta Grossa? Pater Liebscher beschloss, ihr einen Scheck für Bruder Carlos mitzugeben, sodass dieser binnen zwei Tagen an sein Geld kommt. Das bedeutet zwar, dass er heute Abend extra zum Flughafen nach Düsseldorf fahren muss, um den Scheck zu übergeben, aber es ist der beste Weg, um Bruder Carlos kurzfristig aus seinem Engpass herauszuhelfen.

Pater Liebscher weiß sehr genau, wie das ist, wenn man die Missionsprokur kurzfristig um Hilfe oder Zuschüsse bitten muss. "Ich kenne die Situation des Ringens um die richtigen Worte in unvorhersehbaren Notlagen aus meiner eigenen Zeit als Missionar", sagt er. Selbst war er zehn Jahre in Angola, zunächst als Buschmissionar, später als Provinz-Ökonom, schließlich als Leiter der nationalen Caritas. "Nur die Spenden der Wohltäter aus der Heimat, die uns über unser Generalat in Rom oder von der Missionsprokur St. Augustin als Zuwendungen zukamen, sicherten unsere Missionsarbeit und unseren Lebensunterhalt einigermaßen", sagt er. Heute, beim täglichen Posteingang von Hilfsbitten und Projektanträgen hat er das immer noch vor Augen. "Ich vergesse nie, wie gerettet man sich fühlte, wenn man die benötigte Hilfe bekam", sagt er.

Noch ein paar Minuten, dann muss Pater Liebscher ins erste Mitarbeitergespräch. Sein Terminkalender ist voll: Der nächste Spendenaufruf will besprochen werden, später haben sich Missionare auf Heimaturlaub zur Stippvisite angekündigt, dann soll der Halbjahresbericht Gestalt annehmen. Bevor der Sitzungsmarathon beginnt, klingelt erneut das Telefon, eine ältere Dame meldet sich. Sie, die für die Steyler Missionare seit Jahren regelmäßig nicht nur eine kleine Spende übrig hat, sondern sie auch im Gebet begleitet, bittet jetzt selbst um Beistand. Ihr Enkelkind wurde von einem Auto angefahren und liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Pater Liebscher spricht der Anruferin einfühlsam Trost zu und verspricht, ihr Anliegen mit ins Gebet zu nehmen. Übermorgen, bei der monatlichen Messe der Angestellten, wird Pater Liebscher Gott ganz besonders um seine Hilfe und Heilkraft bitten.

 
 

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