In den ersten Räumen der Missionsprokur geht das Licht aus: Kurz nach fünf, Feierabend. Während sich die Büros leeren, tönen im Erdgeschoss Blockflötenklänge. Bruder Adolf Stegmaier sitzt mit der chinesischen Schwester Anna zusammen. Vor ihnen: Ein grünes Notenbuch. Heutige Lektion: "Ich bete an die Macht der Liebe".
Eigentlich gibt Bruder Adolf der Schwester jeden Abend Nachhilfeunterricht in deutscher Sprache. Auf dem Tisch liegt eine aufgeschlagene Bibel, das Gleichnis vom verlorenen Sohn, daneben liegt ein Blatt mit Vokabeln und Übungssätzen: "Der Arzt schreibt Rezepte" und "Wir sind eine Stunde spazieren gegangen". Aber vor dem Unterricht stehen stets ein paar Takte Blockflötenmusik, zur Auflockerung. Schon als Missionar im Kongo hat Bruder Stegmaier einen Bläserkreis geleitet und ihn als Trompetist angeführt.
Überhaupt: Der Kongo. 46 Jahre war Bruder Stegmaier vor Ort, als technischer Leiter einer Druckerei, in der eine biblische Zeitschrift produziert wurde. Nebenbei reparierte er in seiner Werkstatt zunächst Radios und Tonbandgeräte, später Haushaltsgeräte wie Lampen und Nähmaschinen, führte eine Autowerkstatt, eine Schreinerei und eine Schlosserei. Bis er aus gesundheitlichen Gründen aus den Tropen zurückkehren musste, man in der Missionsprokur Sankt Augustin auf sein technisch-handwerkliches Talent aufmerksam wurde und ihn als Hausmeister anwarb. "Als die Steyler in dieses Gebäude gezogen sind, brauchten sie halt jemanden, der sich mit der ganzen Technik auskennt und alles in Schuss hält", sagt Stegmaier.
Heute liegt wieder ein arbeitsreicher Tag hinter dem Bruder im Blaumann: In der Aula hat er ein Gerüst aufgebaut und die Glühbirnen gewechselt und Fensterscheiben saubergemacht, im Garten einen Baum gepflanzt, am Baum vor dem Pförtnerbüro ein Vogelhäuschen aufgehängt. Immer wieder hat Stegmaiers Handy geklingelt, der "gute Geist" der Prokur wurde von Baustelle zu Baustelle gerufen. "Ich mache gerne, was ich kann", sagt er bescheiden – und stellt sich mit Schubkarre und Schraubenzieher jeder Herausforderung.
Jeden Abend heißt seine Herausforderung: Deutschnachhilfe für Schwester Anna. "Sie macht schon große Fortschritte, aber wir müssen am Ball bleiben", sagt Bruder Stegmaier. Und während es draußen langsam dunkel wird, legen Lehrer und Schüler ihre Blockflöten beiseite. Und schlagen das Lukasevangelium auf.
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